Planung und Bau des Wolfenbütteler Stadttheaters

 

Ende Dezember 1903 kommt es in Chicago zu einem verheerenden Theaterbrand mit über 600 Toten, der die Welt aufrüttelt. Es hat zuvor viele Brände in Theatern gegeben und ein eiserner Vorhang ist schon lange vorgeschrieben. Nach dem Brand in Chicago lässt Kaiser Wilhelm II. das Königliche Opernhaus in Berlin schließen und ordnet eine Überprüfung aller Theater an. Dieser Überprüfung hält auch das Wolfenbütteler Schlosstheater nicht stand. Es war 1835 auf Wunsch der Wolfenbütteler Bürger und auf Veranlassung des Herzogs gebaut worden. Hier spielte das herzogliche Ensemble aus Braunschweig zwanzig Mal im Jahr vor ausverkauftem Haus. Da die Vorstellungen jetzt nicht mehr stattfinden können, bitten die Bürger den Regenten um Erhalt der Aufführungen in Wolfenbüttel. Dieser sagt dies zu, wenn ein geeigneter Raum zur Verfügung steht.

Da dies nicht der Fall ist, beschließen die Stadtverordneten am 23. März 1904, den Bau eines eigenen Theaters zu versuchen. Man glaubt, ein kleines, bescheidenes Theater für 150.000 Mark bauen zu können. Als Bauplatz ist das Gelände neben dem Kaffeehaus vorgesehen, das der Stadt gehört. Der alternative Bauplatz am Rosenberg wird verworfen, da man dazu den Rosenberg abtragen müsste.

Einen großen Anteil am Bau des neuen Theaters hat Stadtdirektor August Floto. Er wurde 1897 zum Stadtdirektor ernannt und bekleidet das Amt bis 1917, als er Kreisdirektor wird. Wegen seiner Verdienste, nicht zuletzt um das Theater, wird ihm 1917 als Erstem die Ehrenbürgerwürde von Wolfenbüttel verliehen.

Zunächst versucht Floto das hölzerne Interimstheater aus Braunschweig zu kaufen, das während des Umbaus neben dem dortigen Theater vorübergehend errichtet war. Der Plan scheitert schnell an den Kosten und so bittet Floto im Mai 1904 den renommierten Architekten Otto Rasche vom Architekturbüro Rasche & Kratzsch aus Braunschweig, ein massives Theater mit etwa 500 Plätzen in Wolfenbüttel zu bauen. Übrigens gibt es weder Ausschreibung noch Wettbewerb. Von diesen Architekten sind heute noch mehrere Gebäude in sehr gutem Zustand in Braunschweig und Wolfenbüttel erhalten.

Zur Finanzierung beantragt der Stadtmagistrat bei der Landesregierung einen Zuschuss von 75.000 Mark, der auch nach langer Diskussion am 9. Juni 1904 mit 24 Ja-Stimmen bei 17 Nein-Stimmen genehmigt wird. Neben diesem Zuschuss will die Stadt 30.000 Mark übernehmen und die Bürger sollen 45.000 Mark spenden. Die Resonanz in der Bevölkerung ist überwältigend. Nach 14 Tagen sind 38.500 Mark und nach 6 Wochen 41.000 Mark zugesagt.

Im April 1905 können die Pläne endlich zur Genehmigung beim Staatsministerium in Braunschweig eingereicht werden. Das Gutachten der Herzoglichen Baudirektion ist aber vernichtend. Die Skizzen seien nicht prüfbar, die Treppenanlage unzureichend, die Mauern zu schwach, die Fundamente zu schmal, der Bauplatz ungeeignet und die Kosten viel zu gering angesetzt.

Floto und Rasche erkennen das Gutachten nicht an und beauftragen Gegengutachten. So gehen die Unterlagen mit immer neuen Gutachten hin und her, bis das Staatsministerium im Mai 1906 Prof. Max Littmann aus München als Obergutachter einsetzt. Littmann gilt als »Theaterpapst« und ist bekannt durch viele Theater und das Münchner Hofbräuhaus. Er baut gerade das Stadttheater in Hildesheim.

Littmann gibt in seinem Gutachten in vielen Punkten Floto und Rasche Recht, da es sich in Wolfenbüttel nur um ein kleines Theater handelt, bei dem man Ausnahmen machen kann. Aber auch die Gegenseite hat zum Teil Recht. Insbesondere die Kosten hält Littmann für viel zu niedrig. Er rechnet bei der Größe des Theaters mit ca. 240.000 Mark als Endsumme. Und er soll Recht behalten.

Otto Rasche akzeptiert alle Vorschläge von Littmann und beginnt sofort mit der Ausarbeitung der neuen Pläne. Es dauert aber ein weiteres Jahr, bis sie erneut eingereicht werden können. Als der Regent am 25. Oktober 1907 die Bewilligung unterschreibt, kann der Bauvertrag abgeschlossen und nach fast vier Jahren mit dem Bau begonnen werden.

Noch vor dem Winter wird der Sockel fertig gestellt und Rasche erhält mit der 1. Baurate von 14.000 Mark nach vier Jahren sein erstes Geld. Ein Jahr später ist auch der Rohbau fertig und das Staatsministerium zahlt den Zuschuss von 75.000 Mark aus. Und wieder ein Jahr später kann das Stadttheater in Wolfenbüttel am 25. September 1909 mit Lessings »Nathan der Weise« im Beisein des Regenten feierlich eingeweiht werden. Nach vier Jahren Planung und zwei Jahren Bauzeit haben die Wolfenbütteler endlich ihr »kleines« Theater mit 737 Plätzen.

Die Baukosten liegen am Ende bei 238.000 Mark. Die Kosten werden mit 75.000 Mark vom Land Braunschweig (31,5 %), mit 97.000 Mark von der Stadt Wolfenbüttel (40,7 %) und mit 66.000 Mark von den Bürgern (27,8 %) getragen. Übrigens durfte Rasche, der das Theater zu einem Festpreis schlüsselfertig errichtet hat, die Kosten nur durch nachweisbare Bauartänderungen und Erhöhungen der Material- und Lohnkosten infolge der langen Planungszeit erhöhen. Insbesondere der Bürgeranteil an den Kosten zeigt deutlich, welches Interesse die Wolfenbütteler an ihrem Bürgertheater haben und das Interesse ist bis heute ungebrochen.

Dr. Alfred Henning
Studium des Bauingenieurwesens, Vertriebsleiter i. R., Sekretär und PR-Beauftragter des Lions Club Wolfenbüttel

Literaturhinweis: »Wolfenbütteler Stadttheater – Lessingtheater – Planung, Bau, Sanierung«
Hilfswerk Lions Club Wolfenbüttel e. V., Wolfenbüttel, 2012

Foto: Festschrift, Grundriss Parterre ohne Proszeniumslogen, Stadttheater, Wolfenbüttel, Ausführung, September 1909